Zu: Robert Kagan – Macht und Ohnmacht

5.1 Gordon: Bridging the Atlantic Divide (Issue 01/02 2003)

These: Diplomatische Irritation statt realer Divergenz. EU muss aufholen, USA mehr Rücksicht nehmen.

Philip H. Gordon warnt, dass die Annahme eines zersplitternden transatlantischen Bündnisses zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden könne. Zwar gäbe es strukturelle Unterschiede zwischen Europa und den USA – so in der Beurteilung von Terrorismus und dem Nahe-Ost Konflikt – aber "structure is not destiny". Zudem vertreten Europäer und Amerikaner im Wesentlichen die gleichen Interessen und hätten in der Vergangenheit auch gemeinsam militärische Gewalt angewendet (Balkan) und europäische Politiker hätten die Einsätze gegen Al-Qaida und die Taliban unterstützt. Europa und die USA seien sich nach wie vor sehr nahe, aber Politiker gefährden diese Einheit durch ihre Übertreibungen.

Frage: "Structure is not destiny". Das ist zwar richtig, richtig ist aber auch, dass diese Struktur fürs erste besteht, problematisiert und erklärt werden muss. Und ganz genau um diese Auseinandersetzungen von Politikern geht es, wenn man sie nicht als zufällige persönliche Differenzen abtun möchte, oder?

Das "power gap" kann nach Gordon nur zu einem gewissen Teil als Erklärung für die transatlantischen Differenzen dienen, denn es ist nicht nur Determinante, sondern auch Resultat der verschiedenen strategischen Kulturen. Die Erfahrungen aus den beiden Weltkriegen hätte die Einstellung der Europäer zu militärischer Gewalt verändert, so wie die Amerikaner durch diese Ereignisse positive Erfahrungen gesammelt hatten.
Kritik: Auch dies hat Kagan bedacht. Er möchte die Europäer jedoch dazu ermuntern andere Erfahrungen mit militärischer Macht zu sammeln und zum starken Verbünde-ten der USA zu werden anstatt als bekehrter Paulus seichte Reden zu halten.

Wichtiger als die Differenzen, die keineswegs fundamental seien, seien die Gemeinsamkeiten, auch nach 9-11: gemeinsame demokratische und liberale Werte, internationaler Handel und Kommunikation, Energiepolitik und Antiproliferations-Regime. Humanitäre Hilfe, Menschenrechte und Kriegsprävention. Die Konvergenz sei dabei größer als die Divergenz und viele Amerikaner teilen keineswegs den Kurs der Bush-Administration. Sogar das Kyoto-Protokoll würden diese ratifizieren wollen. Andererseits sei die EU kein reiner Pazifisten-Club wie von Kagan karikiert: Europäische Regierungen unterstützten den zweiten Golf Krieg, beteiligten sich am Afghanistan Einsatz und im Kosovo.

Kritik: Ja, das tun sie. Entweder als Geldgeber oder als Polizisten, die in friedlichen Gebieten zivile Streitfälle schlichten. Kagan fordert aber, dass die Europäer selber die Fähigkeit entwickeln Kriege zu führen und zu gewinnen und entsprechende Aus-gaben, Vorbereitungen und Risiken auf sich nehmen. Was den Kosovo betrifft benutzt Kagan dieses Argument in einer Antwort auf die Kritik, um zu zeigen, dass die "Europäer" (im wesentlichen nämlich nur DE und FR) einen unglaubwürdigen Begriff von Multilateralismus haben, der lediglich als Vorwand diene um mehr Einfluss zu erhalten.

Es sei Schröders Unilateralismus gewesen, der eine über zehnjährige Kooperation zwischen den USA und Deutschland in ihr Gegenteil verkehrt habe. Spanien und UK seien auch weiterhin an der Seite der USA gewesen, ebenso wie die meisten der neuen EU-Staaten. Die Franzosen seien nicht abgeneigt gewesen. Weiterhin habe die Bush Administration und einige US Bürger einige Unstimmigkeiten übertrieben und zur sich selbsterfüllenden Prophezeiung aufgebauscht. Die USA brauchen Europa auch weiterhin: als Geldgeber und Finanzier ihres fiskalischen Defizits, als politische Unterstützung und als militärische Basis. Als Diplomaten und Assistenz bei der Friedenssicherung. Kurz, für ihre "soft powers", als Legitimation und für die Fähigkeit Herzen zu gewinnen. Amerika war so einflussreich in Europa, weil die Europäer dies wünschten.

Kritik: Haben die Europäer denn Herzen gewonnen? Was den Rest betrifft stimmt Kagan hier zu und kritisiert den verlogenen Multilateralismus von FR und DE und wünscht sich ebenfalls die moralische Unterstützung durch Europa. Der geeignete Ort dafür sei allerdings die NATO, nicht die UN. Auf die geben die Europäer ja auch sonst nicht so viel, wie sie durch ihre eigenmächtigen Verstöße gegen internationales Recht und den Verstoß gegen die weltweite Meinung im Kosovo-Krieg bewiesen haben.

Was die materielle Unterstützung betrifft habe die USA bisher immer selbst das Material gestellt und sei ökonomisch in der Lage gewesen Europa und Japan wieder aufzubauen. Daran habe sich nichts geändert. Andererseits müssten aber auch die Europäer zugeben, dass einige Probleme nach militärischen Lösungen verlangten. Bushs "Achse des Bösen" mag simplifizierend sein, aber die Europäer hätten auch keine Alternative zu dieser Konzeption anbieten können. Der europäische Versuch Saddam durch Druck ohne militärische Option zur Einhaltung der UN-Resolutionen zu bewegen sei von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Um weltweit ernst genommen zu werden müssen die Europäer ihre militärischen Kapazitäten erweitern, zumal sie nun mehr Eigenverantwortung für ihre Sicherheit tragen.

Kritik: Diese Kritik liest sich in weiten Teilen wie die Analyse Kagans selbst, mit dem Unterschied, dass Gordon das Bündnis unbedingt erhalten will und meint, man könne den Ereignisverlauf noch ändern. Dazu verweist er vor allem auf ideelle Gemeinsamkeiten. Diese erkennt auch Kagan an, und gerade deshalb wünscht er sich Eu-ropas Unterstützung glaubt aber nicht an eine Trendwende.

One Trackback

  1. By New Projects | Steffen Heringhaus on 12/03/2009 at 20:12

    [...] style, while the topics range from Antisemitism, Collecative Action and public Goods, to neoconservatism (Robert Kagan) and demographics. Also the famous history of Sociolgy (lecture held by Mr. Hammerich) is to be [...]

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