Lässt sich Antisemitismus als sozialer Konflikt modellieren? Und wie sind die Ergebnisse der empirischen Antisemitismusforschung in Deutschland im europäischen Vergleich zu bewerten? Dieser Artikel gibt eine kuerze Einführung in das Thema.
Der Artikel ist Teil von Antisemitismus und empirische Antisemitisforschung in Deutschland ab 1945 wurde aber zur besseren Lesbarkeit ausgegeliedert. Es gilt die Bibliographie des Hauptartikels, was die verwendeten Quellen betrifft.
Exkurs 1: Antisemitismus als sozialer Konflikt
Der Antisemitismus im Deutschen Reich entzündete sich oft an sozialen Konflikten (ökonomisch/Modernisierung). Strauss zeigt, dass antisemitische Wellen in der Vorkriegszeit und der Weimarer Zeit stark mit sozialen Krisen korrelieren. Von den ca. 680.000 Juden lebten die meisten in Großstädten. Im Gegensatz zu ihrem Bevölkerungsanteil von ca. 1% erreichten sie in Berlin z.B. einen Anteil von über 6 %, der durch die sozial-ethnische Enklavenbildung mit einer hohen Sichtbarkeit ausgezeichnet war.
Auch sozio-ökonomisch hob sich die jüdische von der restlichen Bevölkerung deutlich ab (Estel/Sombart/Strauss). Juden konzentrierten sich in nur wenigen Handwerken, waren überwiegend im Handel (62 %) beschäftigt und verfügten über kein Fabrikproletariat. Von den 100 reichsten Deutschen waren 30 Juden. Anhand von Steuerstatistiken konnte Sombart ein im Durchschnitt 5-fach höheres Einkommen für die jüdische Bevölkerung feststellen und dabei den Einwand entkräften, es handele sich dabei um ein mathematisches Artefakt, wie es beim arithmetischen Mittel auftreten kann. Diese Differenzen im Einkommensniveau galten auch für »arme« Juden. Strauss charakterisiert die jüdische Unterschicht der damaligen Zeit als »kleinbürgerlich«. Juden waren exponierte Träger der kapitalistischen Entwicklung und gesellschaftlicher Modernität. Letztere war die zweite wichtige Konfliktquelle mit traditionellen Kräften. Auch die Sozialdemokratie fühlte sich so durch »die Juden« herausgefordert, bekämpfte diese aber nicht ethnisch oder religiös, sondern als »Kapitalisten«.
Das ökonomische Konfliktpotential kann anderseits nicht zur letztlichen Erklärung von Antisemitismus herangezogen werden. Denn die Aversionen richteten sich nicht gegen erfolgreiche Händler, Großwarenhausbesitzer, Bankiers, Viehhändler oder Journalisten als solche, sondern gegen die Juden unter diesen (Estel). Die Mobilisierung antisemitischer Ressentiments zu Krisenzeiten setzt diese bereits als präexistentes Vorurteil voraus und geht von entsprechenden Identitäten aus. Vergleiche auch im Hauptartikel: Antisemitismus und empirische Antisemitisforschung in Deutschland ab 1945.
Exkurs 2: Antisemitismus in Europa nach 1945
Das Ende des WW II bedeutete keineswegs das Ende des Antisemitismus in Europa. Bergmann unterscheidet sechs Phasen:
1. Die Nachkriegsphase bis 1953
Nach dem Krieg waren in vielen Ländern gewaltsame Übergriffe auf Juden zu verzeichnen, insbesondere in Polen, wo die Konflikte um zu restituierendes jüdisches Eigentum und der Vorwurf des »Judeokommunismus« zu Ausschreitungen mit bis zu 2000 toten Juden zwischen 1944–1947 führte. Ähnliche Vorfälle waren in der Slowakei zu verzeichnen. Von 1947–1948 kam es zu antisemitischen Tumulten und eine Reihe von Friedhofsschändungen in Westdeutschland und der SBZ. In UK war es der Untergrundkampf in Palästina der als Anlass für antijüdische Übergriffe diente. FR versteckte sich hinter dem Resistance-Mythos während eine antijüdische Partei mit 11% ins Parlament einzog. Die tolerante Politik der SU schlug ab 1949 in ihr Gegenteil um und führte zu extensiven antijüdischen »Säuberungen« die auf RO und die Tschechoslowakei übergriffen.
2. Beruhigung bis 1967
Abgesehen von der Schmierwelle in der BRD um 1960, Übergriffe in PL und »Kader-Säuberungen« in HU blieben diese Jahre relativ ruhig.
3. Antizionismus 1967 – 1980
Im Ostblock und unter den Linken im Westen bildete sich ein radikaler Antizionismus heraus, der antisemitische Züge annahm. Die SU brachte die Gleichsetzung von Nazi-Verbrechen und Zionismus in Umlauf. YU profilierte sich in diesem Sinne für die blockfreien Staaten. Eine UN-Resolution von 1975 setzte Zionismus dem Rassismus gleich. In PL wurde der »Prager Frühling« den Juden angelastet und Hetzkampagnen mündeten in der Massenauswanderung von Juden aus PL. In FR ergriff De Gaulle pro-arabisch Partei, bezeichnete Israel im speziellen als „aggressiv“ und „arrogant“, die Juden insgesamt als „elitär“ und „dominant“. In Skandinavien, BE, AT, UK und NL setzte sich massiver Antizionismus durch. Europaweit kooperierten linke Terrorgruppen mit arabischen Terroristen und entfernten sich auch auf Einstellungsebene von der restlichen Bevölkerung.
4. Fremdenfeindlichkeit von Rechts ab 1980
Dem linken bzw. arabischen Terror gesellten sich ab Anfang der 1980er Übergriffe mit rechtsextremem/xenophobem Hintergrund hinzu. In FR gab es zwischen 1978 und 1982 viele schwere Anschläge auf jüdische Einrichtungen zu verzeichnen, während Mitterand Israel des Völkermordes an den Palästinensern beschuldigte. Auch in IT kam es zu einigen Terroranschlägen, oft von arabischer Seite. Auch in der BRD nahmen ab 1980 antisemitische Straftaten zu, während die antisemitischen Einstellungen in der Gesamtbevölkerung weiter abnahmen. Die Lage im Ostblock beruhigte sich, die SU schwächte ihre antizionistische Politik ab, ließ sie unter Gorbatschow ganz fallen. In den Medien persistierten dennoch AS und Antizionismus.
5. Die Wende ab 1989
Nachdem in Osteuropa AS nur unter dem Deckmantel des Antizionismus in Erscheinung kehrte der alte AS bald wieder an die Oberfläche zurück und schlug sich auch in Umfragedaten deutlich nieder. Länder wie HU, RO, SL und HR rehabilitierten anti-kommunistischen Kriegshelden, die aber auch eifrige Nazi-Kollaborateure gewesen waren. Die Bevölkerungen in LV, EST, LIT und UA waren durch ihre direkte Mittäterschaft belastet. Die Topoi des sekundären AS verbreiteten sich auch hier. Für PL, RU und CZ stellte sich dieses Problem naturgemäß nicht, doch lebte hier deren eigener traditioneller AS wieder auf. In RU gingen extremer Nationalismus, Enttäuschung über die verlorene Weltmachstellung und die Anlastung von SU-Verbrechen eine antijüdische, oft gewaltsame Symbiose ein. Rechte Gewalt dominierte in FR, AT, BE, UK und SE. In FR waren 1990 über 373 antisemitische Vorfälle zu verzeichnen.
3. Israelophobie ab 2000
Seit 2000 häufen sich antisemitische Straftaten in ganz Europa und die Gleichsetzung von Israel mit dem NS. Vor allem in FR, UK und NL kam es zu gewalttätigen Übergriffen, in der BRD überwiegen Beleidigungen und Drohbriefe die Gewaltakte. In GR sind eher rechtsextreme Hintergründe für die Taten verantwortlich, in Spanien koexistieren traditioneller und islamistischer AS. Die Gewalt in DE, FR, UK und NL geht oft auf Muslime zurück.
Mehr im Hauptartikel: Antisemitismus und empirische Antisemitisforschung in Deutschland ab 1945.
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[...] Vergleiche auch den Exkurs zum Artikel »Antisemitismus als sozialer Konflikt« [...]