2 Der Karikaturenstreit
Der Karikaturenstreit war ein komplexes Ereignis, das die Medienlandschaft, insbesondere die Tagespresse, für eine ungewöhnlich lange Zeit – nicht ohne Kontroversen – prägte. Gestritten wurde nicht nur über die normative Bewertung der Ereignisse und den jeweils gewünschten Umgang mit den Karikaturen, Nachdrucken und Protesten. Durch die Ereignisfülle herrschte auch eine gewisse Uneinigkeit bei der positiven Rekonstruktion der Geschehnisse und ihrer Dynamik.
Entsprechend gilt es zuerst in Kapitel 2.1 die wichtigsten Ereignisse chronologisch zu skizzieren und in Kapitel 2.2 grob die normative Debatte um die Karikaturen und den Karikaturenstreit nachzuzeichnen. Dieser Überblick über die normative Bewertung des Karikaturenstreits ist vor allem deswegen nützlich, da sich die kontroversen Beurteilungen nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern ebenso auf politischer Ebene wiederspiegeln. Dieser Überblick wird in Kapitel 2.3 durch die Ergebnisse einiger (deutscher) Meinungsumfragen zum Thema ergänzt. Dieser stelle ich dann eine passende Bundestagsdebatte gegenüber, um einen Eindruck von der Meinungsvielfalt politischer Entscheidungsträger (in Deutschland) zu vermitteln.
In einem explizit akademischen Rahmen wurde der Karikaturenstreit selbst bisher kaum thematisiert. Typischerweise diente er eher als aktuelles Beispiel für die Wichtigkeit des eigentlich bearbeiteten Themas. Als Beispiele für solche Artikel können das Plädoyer Foroutans (2006) für einen Kulturaustausch, Türckes (2006) Kulturgeschichte der Blasphemie oder Hondrichs (2006) reflexive Denkübungen um den Begriff der Integration dienen. Auch Rufs (2006) Auseinandersetzung mit westlichen Ängsten und Projektionsmechanismen ist eher dieser Kategorie zuzurechnen.
2.1 Chronologie[4]
Am 30. September 2005 veröffentlichte die größte, international bis dahin weithin unbekannte Tageszeitung Dänemarks – »Jyllands Posten« – 12 Karikaturen. 11 dieser Karikaturen stellten den islamischen Propheten Mohammed dar, eine Karikatur kritisierte Jyllands Posten selbst für ihre Karikatureninitiative. Die Initiative sollte testen, ob sich überhaupt noch dänische Zeichner bereit fanden, dem islamischen Bilderverbot zum Trotz, Mohammed bildlich darzustellen.[5] Die Frage kam auf, nachdem für ein Kinderbuch über Mohammeds Leben kein Illustrator gefunden werden konnte. Alle in Frage kommenden Kandidaten lehnten das Angebot aus Sicherheitsbedenken ab.
Erste Proteste, zwei Wochen nach dem ersten Erscheinen der Karikaturen, in Dänemark blieben friedlich. Der Nachdruck der Karikaturen in einer ägyptischen Tageszeitung am 17.10.2005 blieb ohne spürbare Resonanz. Erst am 19.10.2005 kündigten 11 Diplomaten islamischer Länder, Jörg Lau (2006) zufolge auch der EU-Beitrittskandidat Türkei, Dänemarks Ministerpräsident Rasmussen sehen zu wollen und forderten die Verantwortlichen zu bestrafen. Letztere Bitte musste Rasmussen verfassungsgemäß abschlagen, nicht jedoch ohne auf den Rechtsweg, aber auch die Bedeutung von Presse- und Meinungsfreiheit hinzuweisen. Der Forderung nach einem Treffen kam er entgegen, indem Außenminister Per Stig Möller die Botschafter empfing[6]
Unzufrieden mit dem Erreichten bereisten Dänische Imame im November die islamische Welt und monierten in einem 43-seitigen Dossier eine vorgeblich anti-islamische Stimmung im Westen, für die unter anderem die 12 Karikaturen aus Jyllands Posten als Beispiel dienen sollten. Diesem Akkari-Laban-Dossier[7] waren weitere Bilder beigefügt, die aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen, die Virulenz der anti-islamischen Stimmung unterstreichen sollten. Dazu gehörte beispielsweise eine Abbildung von Da Vincis Mona Lisa, deren Begleittext den Film „Da Vinci Code“ parodierte. Ferner das Bild eines Teilnehmers auf einem »Schweine-Quiek-Wettbewerb« im Rahmen einer französischen Agrar-Messe, das angeblich einer beleidigenden E-Mail an Laban beigefügt war. Allgemein hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass es sich zumindest bei Teilen des Dossiers eine bewusste Fälschung handelt[8]
Unterstützung fanden die Imame bei der Arabischen Liga (AL), die am 02.01.2006 in einer gemeinsamen Erklärung der 22 Außenminister die dänische Führung angriff (vgl. Meissl Arebo 2006 a). Ende Januar zieht Saudi-Arabien sein Botschafter aus Kopenhagen ab, Lybien schließt seine Botschaft und gemäß dem Aufruf der »Islamic Educational, Scientific and Cultural Organisation« (ISESCO), eine Ableger-Organisation der »Organization of Islamic Conference« (OIC) mit 50 Mitgliedstaaten, setze der Boykott dänischer Waren in der islamischen Welt ein.
Die ersten großen Proteste, von Anfang an schon von Gewaltausbrüchen begleitet begannen – etwa zur gleichen Zeit – ab dem 30. Januar 2006. Während Al-Aksa-Brigaden in Gaza ein EU-Büro stürmten bestand die Arabische Liga auf die Bestrafung der Verantwortlichen. Großdemonstrationen mit vielen Zehntausend Teilnehmern begannen, setzten sich im Laufe des Februars fort und griffen von Jemen, Libanon, Syrien auf Asien über. Neben Pakistan und Afghanistan erreichten die Proteste bald Malaysia, Indonesien, Bangladesch, Indien, Sri Lanka und Hong-Kong. Seinen blutigen Höhepunkt fanden die Proteste in Nigeria, wo die Auseinandersetzungen um die Karikaturen Ende Februar über 130 Todesopfer forderten, begleitet von unzähligen Verletzten und 11.000 Flüchtlingen (vgl. Reuters 2006 e)[9]
Teil dieser Proteste waren immer wieder Übergriffe auf Botschaften und andere Einrichtungen europäischer Länder, entweder weil diese mehr oder weniger direkt in den Karikaturenstreit involviert waren oder als Repräsentant für die EU fungierten[10] Die beginnende Diskussion um die ab Anfang Februar auch in Rest-Europa wahrgenommenen Ereignisse[11] und die damit einhergehenden Nachdrucke der Karikaturen, ob nun zu Dokumentationszwecken oder aus Solidarität, verstärkten die Dynamik vermutlich.
Die EU-Kommission reagierte erst Mitte Februar mit einer klaren Linie. Kommissar Barroso verteidigte die dänische Position, nach der die Meinungsfreiheit in Europa auch weiterhin nicht zur Disposition stehe. Javier Solana, der sich kurz zuvor noch in einer gemeinsamen Erklärung mit der OIC bestürzt über die Karikaturen geäußert hatt[12] – dabei zeigte er sich auch über die Gewalt gegen europäische Bürger, Arbeitsmärkte und Einrichtungen bestürzt –, befand sich zeitgleich zur Beschwichtigung auf Nah-Ost-Reise. Dort lud er zum Dialog ein, versicherte die Muslime des Respekts der Europäer für alle Religionen während seine arabischen Gesprächspartner Taten verlangten. So forderte der Generalsekretär der OIC, Ekmeleddin Ihsanoglu, eine förmliche Entschuldigung und Gesetze gegen antiislamische Blasphemie. Da Barroso jetzt jedoch die Linie vorgegeben hatte und derartige Maßnahmen ausgeschlossen waren, versuchte Solana die Dynamik auf die UNO abzuwälzen (vgl. Kocher 2006 a).
Eine Dialoginitiative der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft schien eher einseitig zu verlaufen. Jedenfalls hatten die muslimischen Teilnehmer öffentlich nicht viel beizutragen, wollten sich auch nicht von den Provokationen – wie der Leugnung des Holocausts – Ahmadinejads distanzieren (vgl. Ritterband 2006).
Nachdem sich die Gewaltakte bis Ende Februar fortgesetzt hatten, fanden sich am 26. Februar auch die Arabische Liga und die OIC bereit, zusammen mit der UNO zu Zurückhaltung und Dialog aufzurufen (vgl. Reuters 2006 c).
Ende Februar ebbten die Proteste langsam ab, es ist zu vermuten, dass diese gemeinsame Erklärung dieser beiden Akteure einen Anteil daran hat (vgl. Kapitel 3.1).
Die Nachwirkungen des Streits blieben noch den März über offensichtlich, und lieferten bis Ende des Jahres 2006 immer wieder Stoff für neue Auseinandersetzungen und Zwischenfälle. Dazu gehören der Erpressungsversuch Lybiens gegenüber Italien[13], aber auch die vereitelten Kofferbombenanschläge in Deutschland.
Im April wurde eine erste Firma, Arla, ein dänischer Produzent von Milchprodukten, von der »schwarzen Liste« der zu boykottierenden Unternehmen gestrichen. Der Maßnahme ging eine Entschuldigung für die Karikaturen durch Arla in Saudischen Zeitungen voraus, ferner die Ankündigung von Spenden zu humanitären Zwecken. Der Boykott gegen andere Firmen wurde mit der Forderung nach einer »kulturellen Entschuldigung« und »Wiedergutmachung« fortgesetzt (vgl. Kocher 2006 b).
One Trackback
[...] famous history of Sociolgy (lecture held by Mr. Hammerich) is to be found there, neither should the cartoon controversy should be ommitted. So, to repeat myself: you are invited to contribute your papers, scripts and [...]