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Seit 1990 sind alle EU-15 Länder Zuwanderungsländer mit ähnlich niedriger Fertilität. Letztere wird von den neuen EU-Ländern, denen des ehemaligen Ostblocks, aber auch Ländern wie Japan, sogar noch unterboten. Lediglich die Fertilität der USA fluktuiert seit Jahren um den bestandserhaltenden Wert von etwas über 2. Die niedrige Fertilität ist somit ein Problem aller entwickelten Länder. Ebenso wie die zunehmende Alterung, die Länder mit niedriger Fertilität in besonderem Ausmaß betrifft. Weiterhin gilt nach Miegel die Faustregel, dass der Lebensstandard im Zielland mindestens um den Faktor 2 höher sein muss, damit die Kosten der Migration (inklusive Verlust des Freundeskreises etc.) in Kauf genommen werden. Daraus ergibt sich bereits rein logisch, dass die entwickelten Länder keine Migranten stellen werden können, um das europäische Geburtendefizit auszugleichen. Die in Zukunft noch zur Verfügung stehenden Migranten werden was ihr Humankapital betrifft kaum zum Erhalt oder gar zum Wachstum unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit beitragen. Das Geburtendefizit durch eine jährliche Integrationsleistung von bis zu 300,000 Migranten ausgleichen zu wollen erscheint unseriös. Dies gilt besonders dann, wenn man sich klar macht, dass ein Großteil der bisherigen 200,000 Zuwanderer pro Jahr überwiegend aus (Ost-) und Südeuropa stammen und (wie z.B. die PISA-Studie demonstriert) über ähnlich viel Humankapital verfügen wie die Bürger der BRD selbst, wenn der Rest der Welt als Maßstab angelegt wird.
Dennoch gilt es nicht nur die Sozial- und Pflegesysteme zu sichern sondern auch die gegenwärtigen Standards zu sichern. Denn eine älter und kleiner werdende Bevölkerung verringert das Pool für Innovationen, lässt mit den Menschen das Wissen “älter” werden und verringert die Menge an qualifiziertem Personal (gleich bleibende Anteile an qualifizierter und unqualifizierter Bevölkerung vorausgesetzt).
Die Altersversorgung könnte nach dem Vorbild von Chile und der Schweiz mit einem Kapitaldeckungssystem von den demografischen Fluktuationen entkoppelt werden (es stellt sich ohnehin die Frage, ob die gegenwärtige Form von Rentensystem in der BRD und vielen anderen europäischen Staaten nicht als Ponzi-Game betrachtet werden muss). Und durch extensivere Weiterbildung bzw. eine weitere Bildungsexpansion könnte das Wissen auch der älteren Semester in der Bevölkerung frisch gehalten werden bzw. eine breitere Schicht an hochqualifizierten Einwohnern geschaffen werden. Eine Ausdehnung der Erwerbsquote könnte auch bei sinkender Bevölkerung das gesamtwirtschaftliche Volumen konstant halten oder gar zu Wachstum führen (erst mal müsste dazu natürlich der Arbeitsmarkt dynamisiert, sprich liberalisiert werden).
Dennoch scheinen aus Gründen der Dynamik und Innovation in der Gesellschaft eine NRR von 1 und gleich verteilte Altersstruktur wünschenswert. Direkte bevölkerungspolitische Maßnahmen haben sich bisher aber empirisch nicht bewährt, (3. Reich, DDR) und erscheinen vor allem normativ inakzeptabel. Darüberhinaus hat es den Anschein, dass die direkten bevölkerungspolitischen Maßnahmen eher zu einem Vorziehen ohnehin geplanter Geburten führten, als zu zusätzlichen Geburten.
Ein möglicher Ansatz sollte deshalb indirekt und strukturell wirken. Da insbesondere unter den Hochqualifizierten Frauen die Fertilität gering ist (über den Beitrag der Männer ist wegen bisher ausgebliebener Forschung nichts bekannt), sollten gut ausgebildete Frauen die Hauptzielgruppe für Maßnahmen sein. Gerade für diese Gruppe stieg der Preis von Kindern (mit den OC als Hauptkomponente) extrem, während der Nutzen sich weitgehend auf den konsumtiven (d.h. affektiven) reduzierte (den Versicherungsnutzen kann man auch als rentenpolitischer free-rider genießen).
Nehmen wir an, dass Kinder normale Güter sind (bei steigendem Einkommen bzw. einer Verbilligung wird – quantitativ und ab einer bestimmten Menge vor allem qualitativ – mehr von ihnen konsumiert) die Variable Kindermenge aber nicht stetig sondern diskret ist und zudem an eine binäre Entscheidung (Ja, Nein) gebunden liegt es nahe die OC für Frauen zu senken. Eine Lockerung des Kündigungsschutz würde es Firmen erleichtern sich temporär von einer frisch gewordenen Mutter zu trennen, es ihr aber auch leicht machen sie nach der ersten Zeit als Mutter wieder einzustellen (der besondere Schutz von Arbeitnehmern vor Kündigungen hat bekanntermaßen den gegenteiligen Effekt – sie finden kaum noch eine Stelle). Frauen müssten den Wiedereinstieg ins Berufsleben nicht als schwierig fürchten und eine kurze Auszeit von zwei Jahren erschiene ihnen weniger problematisch. Denn gleichzeitig könnten Firmen so bereit sein sich – wie in den USA – an Betreuungseinrichtungen für die Kinder ihrer Angestellten zu beteiligen bzw. diese alleine bereitstellen. Insgesamt stehen wir hier vor einem Collective Action-Problem, denn sowohl (potentielle) Familien bilden das, was Olson eine “latente Gruppe” nannte, aber die Arbeitgeber, die ein gemeinsames Interesse an einer permanent verfügbaren Laborforce (und nachwachsenden Arbeitskräften) haben, sind ebenfalls eine latente Gruppe. In gewisser Weise ähnelt die Situation damit dem Gefangendilemma. Wie man dieses – und andere Spiele – lösen kann findet sich übrigens in dem Artikel über Mancur Olson und die Logik des kollektiven Handelns.
Bibliographie – Verwendete Quellen
ESSER, Hartmut: Soziologie.
KLEIN, Thomas: Sozialstrukturanalyse. Eine Einführung
HRADIL, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich.