Demographie und Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ab 1945

3.2 Die Angebotsseite

Ergänzend lässt sich das Modell mit Easterlin und Crimmins um eine Angebotsseite zu erweitern. Ist die Kindersterblichkeit hoch, muss auch bei geringer Kindernachfrage eine hohe Menge an Kindern produziert werden um die gewünschte Menge zu erhalten. Ein Absinken der Kindersterblichkeit führt zu einem temporären Überangebot an Kindern, dass Kontrollmechanismen erst wünschbar werden lässt.

Kinderangebot - Die Angebotsseite des Kindermarkts

Kinderangebot - Die Angebotsseite des Kindermarkts

Wir nehmen an, dass die Kontrolle generativen Verhaltens beginnt, wenn die Nachfrage kleiner als das potentielle Angebot ist und die Nutzendifferenz von – größer als die Kontrollkosten CC ist. C ist das tatsächlich realisierte Kinderangebot. Im ersten Abschnitt vor m ist der Nutzen von Kindern und somit die Kindernachfrage hoch. Aber die Kindersterblichkeit ist höher und das potentielle Kinderangebot immer kleiner als die Nachfrage. Der Markt wird immer bei C geräumt.

Kurz vor m beginnt die Nachfrage langsam auf die sinkende Kindersterblichkeit und das somit steigende Angebot zu reagieren und sinkt ebenfalls bis in m potentielles Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Im Abschnitt m-h sinkt die Nachfrage weiter, nicht nur der rückläufigen Kindersterblichkeit, sondern auch der in 3.1 mit der Nachfrage schon betrachteten Modernisierung wegen. Hier treten die ersten Kontrollwünsche auf. Da aber das Wertesystem und/oder die Technologie die Kontrolle noch nicht zulassen, entsteht ein hohe Kosten verursachendes Überangebot an Kindern. Die Kontrolle wird deshalb in h-p allgemein gewünscht und legitim; evtl. auch effizienter. Ab Punkt p haben Wertesystem und Kontrollmechanismen sich an die neue Situation angepasst und deren Institutionalisierung sorgt dafür, dass das Angebot der eigentlich nachgefragten Menge entspricht. Das Kinderangebot kann nun der optimalen Menge angepasst werden und sinkt ein weiteres Mal, bevor es auf einem konstanten Niveau verharrt.

Diese Theorie erklärt damit sehr gut die allen malthusianischen Befürchtungen widersprechende Veränderung der Bevölkerungsweise über die demographische Revolution im 18./19. Jahrhundert und die nachfolgende Fertility Revolution; nicht nur in Europa, sondern in allen modernisierten Ländern der Welt. Dieses Muster wurde im ersten “Gesetz” des demographischen Übergangs (idealtypisch) schematisiert (vor allem nach Landry und Notestein; vgl. Abbildung).

Der empirische Verlauf in Europa sah etwas abweichend so aus:

  1. Phase, ca. 1750-1875: Sterbeziffer (S) sinkt, Geburtenziffer (G) steigt nur leicht
  2. Phase, ca. 1875- 1900: S sinkt weiter, G steigt
  3. Phase, ca. 1900-1930: S und G sinken weiter, |dS| < |dG|
  4. Phase, ca. 1930- 1965: Weiter sinkende S, G ist klein und konstant
  5. Phase, ab ca.1965: G weiter sinkend, S konstant, Nettoreproduktionsrate < 1

Im internationalen Vergleich zeigte sich als weitere Regelmäßigkeit, dass sich der demographische Übergang umso intensiver und schneller Vollzog, je später er einsetzte.

Mittlerweile ist auch von einem zweiten “Gesetz” des demographischen Übergangs die Rede (vor allem nach Hoffmann-Nowotny), nach dem in postindustriellen Gesellschaften G unter S sinkt. Eine Entwicklung die in der BRD nach dem Babyboom der 1960er zu beobachten war.

Ergänzend zu den hier vorgestellten Modellen die sich hauptsächlich mit Argumenten für Kinder befassen, fasst Hradil auch einige Gründe zusammen, die heutzutage gegen Kinder sprächen: So sei der Arbeits- und Wohnungsmarkt kaum noch auf die Bedürfnisse von Familien mit Kindern ausgerichtet, der Lebensstandard von Familien sei deutlich geringer, der Familienlastenausgleich unzureichend und nicht zuletzt habe eine große Zukunftsangst um sich gegriffen (Atomenergie, Rüstung, Umweltbelastung). Auf “Pessimismus” führt Hradil auch die auf um 1 abgesunkene TFR in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zurück, allerdings ohne alternative Konzepte wie die massive Abwanderung, vor allem der jungen Bevölkerungsmitglieder oder die dortige Einkommensproblematik im Zusammenhang mit dem dort vorhandenen Sozialsystem diskutiert zu haben. Da diese Argumente sich entweder problemlos in die vorgestellte Theorie eingliedern lassen oder ziemlich ad-hoc sind, werden sie hier nicht gesondert behandelt.

Hradil zufolge werden durch die hier vorgestellten Modelle 2/3 des Kinderrückgangs erklärt. Das restliche Drittel erkläre sich durch die gesunkene Heiratshäufigkeit (denn, die meisten Kinder kommen nach wie vor ehelich zur Welt), die zunehmende Scheidungshäufigkeit (denn geschiedene Ehen verfügen im Schnitt über weniger Kinder. Hier ist m.E. die Kausalität allerdings unklar, es ließe sich auch denken, dass Ehen ohne Kinder leichter geschieden werden, und die gestiegene Scheidungsquote somit auch eine Folge der gesunkenen Fertilität ist) und die gestiegene Anzahl nicht ehelicher Lebensgemeinschaften (die im Schnitt ebenfalls über weniger Kinder verfügen; auch hier ist die Kausalität unklar, nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass die Geburt eines Kindes der am häufigsten angegebene Heiratsgrund ist).

Erwähnt wurden hin und wieder auch biologische Variablen – wie die unfreiwillige Kinderlosigkeit. Solange aber nicht gezeigt ist, dass diese biologischen Variablen sich über die Zeit verändert haben scheinen sie m.E. zur Erklärung von Fertilitätsschwankungen unbedeutsam.

Zu beobachten ist aber in eine sinkende Fertilität in Phasen des Umbruchs oder des Schocks (Kriege, Wiedervereinigung). Und als eine ebenfalls sehr technische Ursache lässt sich die Eigendynamik des Bevölkerungswachstums ausmachen: Geburtenstarke Jahrgänge bringen ebenfalls Geburtenstarke Jahrgänge hervor, geburtenschwache üblicherweise ebenfalls geburtenschwache.

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