Demographie und Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ab 1945

3 Determinanten des generativen Verhaltens

Der Kinderwunsch ist die entscheidende Determinante des generativen Verhaltens (Hill/Kopp). Mit dieser simplen Feststellung lassen sich sog. “Erklärungs-Ansätze” die den Fertilitätsrückgang tautologisch auf die massenhafte Einführung von Kontrazeptiva, den allgegenwärtigen “Wertewandel” oder den Siegeszug der Individualisierung zurückführen, fundiert kritisieren. Denn vor dem sogenannten Pillenknick waren Kinder kein unausweichliches Übel gegen das es leider kein Mittel gab, sondern gewünscht und integraler Bestandteil von Wertesystem und Lebensstil. Die massenhafte Einführung von Kontrazeptiva und der damit verbundene Wertewandel und veränderte “Lebensstil” sind folglich Teil des Explandums, keinesfalls aber das Explanans. Außerdem sind selbst primitive Völker offensichtlich dazu in der Lage den Umfang ihrer Bevölkerung im gewünschten Rahmen zu halten. Ebenfalls zu erklären ist, weshalb ausgerechnet die reichsten Länder die niedrigste Fertilität aufweisen, arme Länder aber eine hohe.

Dazu wird der Kinderwunsch als abhängige Variable in einem einfachen Modell analysiert. Das ökonomische Vokabular im Folgenden mag zwar zu Anfang unangemessen erscheinen, war aber nicht zuletzt auch einen Nobelpreis wert (Becker 1992).

3.1 Die Nachfrageseite

Zuerst wird mit Becker/Harvey/Leibenstein die Nachfrageseite des “Kindermarkts” betrachtet. Die optimale Kinderhaltung ist durch Parität von Grenznutzen und Grenzkosten der Kinder gegeben:

Gleichung 5: Optimale Kindermenge Gleichung 5: Optimale Kinderhaltung

Der Gesamtnutzen der Kinderhaltung U(Kids) besteht aus einem über die Zeit als konstant angenommenen Konsumnutzen U(C), dem mit der Modernisierung stark sinkenden Einkommensnutzen U(I) und dem ebenfalls weitgehend bedeutungslos werdenden Versicherungsnutzen U(A). Die Gesamtkosten C sind die Summe aus direkten Kosten DC und den Opportunitätskosten OC der Kinderhaltung. DC steigt mit zunehmender Modernisierung, da moderne Eltern zunehmend in die Qualität (Lebensqualität und Ausbildung) ihrer Kinder investieren. Vor allem aber sind die OC der Kinderhaltung für Frauen mit der Modernisierung und ihren hohen Lohnsätzen dramatisch gestiegen (die gestiegenen DC hätten vielleicht noch durch den gestiegenen Lohn des Mannes kompensiert werden können). Die OC steigen weiterhin im dem Bildungsgrad der Frau.

Da angenommen wird, dass auch eine Kontrolle des generativen Verhaltens Kosten CC (die direkten Kosten des Kontrollverhaltens sowie der Nutzenverlust durch die Kontrollmaßnahme während des Zeugungsverhaltens) mit sich bringt, folgt aus der Optimalitätsbedingung, dass eine Kontrolle des generativen Verhaltens erst dann einsetzt, wenn die Grenzkosten der Kinderhaltung den Grenznutzen der Kinderhaltung plus der Kontrollkosten zu übersteigen beginnen:

Nachfrage nach Kindern – Grenzkosten und Grenznutzenverläufe

Nachfrage nach Kindern – Grenzkosten und Grenznutzenverläufe

Struktur und Entwicklung dieser Annahmen zu Nutzen und Kosten sind in Abbildung 1 für den Verlauf der Modernisierung und dem mit ihr steigenden Einkommen zusammengefasst. Mit der Modernisierung, dem Wirtschaftswachstum, sowie den eingeführten Pflege- und Sozialsystemen wurden Kinder als Einkommensquelle und Altersversicherung also zunehmend unbedeutsam.

In die nun nur noch als Konsumgüter nachgefragten Kinder wird mehr investiert was die direkten Kosten der Kinderhaltung erhöht. Die Opportunitätskosten für die jetzt hohe Marktlöhne erzielenden Frauen stiegen noch beträchtlicher. Da insbesondere der Lohn auch für Frauen mit der Bildung steigt, die BRD aber eine Bildungsexpansion erlebte deren “Gewinner” vor allem Frauen sind stiegen die Opportunitätskosten der Kinderhaltung enorm. Diese veränderte Logik der Situation machte den Einsatz von Kontrollmechanismen rational und wünschenswert, über die Zeit auch allgemein akzeptiert und zu einem innovativen Markt (s.u.).

Mit wachsendem Wohlstand nimmt auch die Fertitlität ab - Die Logik der Situation hat sich verändert

Mit wachsendem Wohlstand nimmt auch die Fertitlität ab - Die Logik der Situation hat sich verändert

Zudem erklärt diese nachfrageseitige Theorie, warum die Bevölkerung historisch zu bestimmten Phasen immer wieder stagnierte (die damaligen Kontrollmechanismen mögen weniger elaboriert, aber deshalb nicht weniger wirksam gewesen sein: indirekte Regulierung wie Heiratsbestimmungen wirkten auf die Geburtenrate, postnatale Maßnahmen wirkten auf die Kindersterblichkeit und das gewünschte Geschlechterverhältnis), oder schrumpfte (nämlich immer dann, wenn der Nahrungsmittelspielraum knapp oder überschritten wurde). Ferner wird klar, weshalb in der dritten Welt trotz explodierender Bevölkerung und selbst bei kostenlos angebotenen Kontrazeptiva die Kontrolle des generativen Verhaltens ausbleibt: Kinder stiften dort schon nach kurzer Aufzuchtszeit einen wichtigen Einkommens- und Versicherungsnutzen, sind aber günstig verfügbar.

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