2.2 Mortalität
Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug vor dem WW II 60 (63) Jahre für Männer (Frauen), und erhöhte sich bis 2000 deutlich auf 75 (81) Jahre. Von 1900 bis 2000 erhöhte sie sich insgesamt um ca. 30 Jahre. Im gleichen Zeitraum sank die Säuglingssterblichkeit von 20 % auf unter 1 %. In den letzten 50 Jahren war es aber vor allem die Mortalität in den mittleren bis hohen Jahrgängen die sich noch weiter verringerte und somit auch maßgeblich zur Kopflastigkeit der gegenwärtigen Alterspyramide beitrug. Die Lebenserwartung wurde “rektangualisiert” (vgl. Skizze). Die Sterbeziffer D stieg über die Geburtenziffer, so dass wir seit 1970 ein Geburtendefizit (B-D<0) zu verzeichnen haben. Bis vor kurzem verhinderte nur der positive Migrationssaldo den damit sonst verbundenen Bevölkerungsrückgang.

Für die Individuen bedeutet die gestiegene Lebenserwartung eine erhöhte Sicherheit und Planbarkeit des Lebenslaufs. Die Bereitschaft längere Ausbildungszeiten auf sich zu nehmen steigt, ebenso die Sparneigung (damit das Investitionsvolumen für die Wirtschaft oder die Möglichkeit des Staates Schulden zu machen). Und obwohl die Familienplanung im Lebenslauf nach hinten verschoben wurde verbringen die Generationen mehr Lebenszeit zusammen, Phänomene wie Wertewandel verlangsamen sich dadurch tendenziell. Es wird ebenfalls angenommen, dass die fortgeschrittene Säkularisierung mit der relativen Seltenheit von Todesfällen in Zusammenhang steht. Die Bedeutung der gestiegenen Lebenserwartung und des Geburtendefizits auf der Makroebene werden in Kapitel 2.4 diskutiert.
2.3 Migration
Deutschland war bis zum WW II im Wesentlichen ein Auswanderungsland (von wichtigen Ausnahmen wie dem Ruhrgebiet abgesehen). Die BRD aber ist seit ihrer Entstehung ein Einwanderungsland mit konstant positivem Migrationssaldo. Ohne diesen würde die Bevölkerungszahl in Westdeutschland heute um ca. 1/3 niedriger ausfallen. Die Einwanderung in die BRD verlief nach Esser in drei großen Wellen (Zahlen aus Hradil):
- Bis 1961: Ca. 12 Mio. Heimatvertriebene flüchteten nach Deutschland, davon 8 Mio. auf das Gebiet der BRD. Aus der SBZ/DDR flüchteten bis 1961 ca. 3 Mio. Menschen in die BRD.
- Ab 1961: Ab Ende der 1950er, vor allem aber nach dem Bau der Mauer wird die Zuwanderung vor allem von Gastarbeitern gespeist, nach dem Anwerbestop 1973 vor allem aus dem Nachzug deren Familien. Inklusive Nachkommen leben ca. 7 Mio. Gastarbeiter in der BRD.
- Ab 1989: Die Migration wird nun von (Spät-)Aussiedlern aus dem ehemaligen Ostblock und bis in die 1990er von ca. 1 Mio. Asylanten bestritten. Seit 1950 wanderten ca. 4 Mio. Spätaussiedler in die BRD ein, davon 1,4 Mio. allein zwischen 1987 und 1996.
Die DDR hingegen war ein reines Auswanderungsland, in dem sich zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung nicht einmal 200.000 Ausländer aufhielten. Die Bevölkerung der DDR sank von 18,4 Mio. 1950 auf 16,6 Mio. 1988. Erwähnt werden sollte hier auch die starke Binnenmigration von Ost- nach Westdeutschland, die seit 1991 ca. 2,3 Mio. betrug. Von West nach Ost wanderten im gleichen Zeitraum lediglich 1,37 Mio. Menschen.
Die Nettozuwanderung der BRD beträgt seit 1954 jährlich ca. 200.000 (Durchschnitt). Insgesamt sind seitdem 9 Mio. Menschen zugewandert. Brutto stehen für den Zeitraum 31 Mio. Zuzüge 22 Mio. Abzügen gegenüber. Allerdings ist die Zuwanderung nicht gleich über die Zeit verteilt. Vor allem zwischen den Jahren 1987 und 1994 durchlebte die BRD eine Phase intensiver Zuwanderung. Diese betrug in den Jahren 1992 und 1993 ca. 0,8 Mio. netto pro Jahr, dann langsam um 0,5 Mio. netto im Jahr 1998. 2001 betrug sie netto noch 280.000.
Die Gründe für die Migration waren immer wieder hier erhoffter Wohlstand und Frieden (Pull-Faktoren), die Push-Faktoren entsprechend Armut und Krieg. Der Anteil an Migranten ist zudem regional sehr unterschiedlich verteilt. 2002 betrug der durchschnittliche Anteil in der BRD ca. 9 %. Eine getrennte Betrachtung für West- und Ostdeutschland ergab hingegen Anteile von 10,3 % und 2,4 %. Einzelne Ballungsräume (Frankfurt, München) haben Anteile von über 20 % zu verzeichnen.