Demographie und Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ab 1945

2.1 Fertilität

In der BRD stieg die rohe Geburtenrate (Lebendgeburten pro 1000 Bevölkerungsmitglieder) von ca. 16 nach dem WW II auf bis zu ca. 20 Mitte der 1960er (Babyboom bzw. Geburtenberg), sank danach bis 1973 auf 10 (oberflächlicherweise oft “Pillenknick” genannt, vgl. Kapitel 3) und fluktuiert seitdem relativ konstant um dieses Niveau. Ein kurzfristiger Wiederanstieg der Geburtenrate in den 1980ern ist auf den sich nun selbst reproduzierenden Geburtenberg der 1950-60er, nicht auf eine Trendwende zurückzuführen. Dies wird vor allem beim Betrachten der aussagekräftigeren Total Fertility Rate (TFR) und der Nettoreproduktionsrate (NRR) deutlich.

Gleichung 2: TFR – Total Fertility Rate Gleichung 2: TFR - Total Fertility Rate

Gleichung 3: NRR – Nettoreproduktionsrate” NRR - Nettoreproduktionsrate

Die TFR misst die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Frau im reproduktionsfähigen Alter. Ein den Bestand erhaltender Wert liegt für westliche Industrieländer bei ca. 2,1 (Wert muss etwas über 2 liegen um Verluste durch Sterblichkeit und die etwas höhere Anzahl an Knabengeburten auszugleichen). Die NRR drückt analog die durchschnittliche Anzahl an überlebenden Töchtern aus. Der Bestandserhaltende Wert liegt hier bei 1, größere Werte stehen für Wachstum, kleinere für eine schrumpfende Bevölkerung.

Die TFR der BRD lag 1950 bei 2,1 und stieg bis 1965 auf 2,5; sank dann aber abrupt in nur 10 Jahren auf 1,4. Um dieses niedrige Niveau fluktuiert sie seit ca. 1975 konstant. Bis 1975 lässt sich eine parallele Entwicklung in der DDR beobachten, allerdings hoben bevölkerungspolitische Maßnahmen (bevorzugte Wohnungsvergabe, bezahlte Freistellung für Mütter, verbesserte Kinderbetreuung) die TFR der DDR in den 1980ern temporär auf 1,8 an, sie sank jedoch schnell wieder und war bis zur Wiedervereinigung bei ihrem alten Wert von 1,5 angelangt.

Die von 2,1 (1959) auf 2,2 steigende TFR der BRD bis ca. 1955 ist auch als ein Nachholeffekt zu verstehen, für Ehen, die der Krieg und die schwierige Wohnsituation der Nachkriegsjahre zuvor verhindert hatten. Dies wird auch durch den Vergleich mit der Vorkriegszeit deutlich, zu der die TFR bereits – den bevölkerungspolitischen Maßnahmen im dritten Reich zum Trotz – den Wert von 1,8 nie überschritt.

Das deutlich stärkere Wachstum auf 2,5 bis 1965 hängt auch mit dem Wirtschaftswunder zusammen, das es vielen Menschen erstmals ermöglichte eine Familie zu gründen. Mit dem sogenannten Pillenknick von 1965-1975 sank die TFR auf 75% der bestandserhaltenden Menge.

Nach der Wiedervereinigung sank die TFR im Osten Deutschlands von 1,5 (1990) auf 0,8 (1995) und erholte sich bis 2000 nur langsam auf 1,2. Die Werte im Westen blieben stabil. Insgesamt lagen 1995-2000 die TFR für die BRD bei 1,33 und die NRR bei 0,63.

Während der Periodeneffekt des Anstiegs der ostdeutschen Fertilität ziemlich unstrittig auf bevölkerungspolitische Maßnahmen (wie Bevorzugung bei der Wohnungsvergabe) zurückgeführt wird, sind für das Absinken ab 1990 ein “Wertewandel”, “veränderte Anreizstrukturen, oder “individuelle Anpassungen” im Gespräch. Auch eine “Aggregation individueller Schockerfahrungen” wird in Erwägung gezogen. Ein sehr nüchterner Ansatz macht vor allem die massive Abwanderung junger Ostdeutscher nach Westdeutschland und die damit verbundenen Altersstruktureffekte für den Periodeneffekt verantwortlich.

Auf der Mikroebene zeigen die altersspezifischen Geburtenraten, dass die Geburt eines Kindes im Lebenslauf zunehmend nach hinten verlagert worden ist: das Maximum an Geburten ist in der Kohorte von 1945 bzw. 1950 mit 22 respektive 21 Jahren erreicht. In den Kohorten 1960 und 1965 ist dieses Maximum erst mit 28 erreicht. Das impliziert, auch ohne die dazu noch abgesunkene Geburtenrate, einen Rückgang der NRR, da Kinder über die Kalenderzeit gesehen seltener geboren werden. Passend dazu sind auch eine geringere Heiratsneigung bzw. instabilere Partnerschaften festzustellen, wobei die Form des partnerschaftlichen Zusammenlebens immer noch die dominante ist. Auch Kinderlosigkeit oder Geschwisterlosigkeit ist in den Partnerschaften nicht häufiger geworden als zu früheren Zeitpunkten.

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