3. Probleme der (empirischen) Antisemitismusforschung
Neben den methodischen Problemen bzw. der suboptimalen Datenlage ergeben sich folgende Probleme für die empirische Antisemitismusforschung: 1. fehlt ihr die Anbindung an die – selbst fragmentierte – theoretische Forschung. 2. hat sie bisher weder die Ursprünge, noch die Persistenz des Antisemitismus erklären können und 3. kann sie nur die Verbreitung antisemitischer Einstellungen erfassen, nicht aber die Virulenz antisemitischer Dynamiken, die eher situationsspezifisch sind, aber nicht unbedingt vom Rückhalt in der Gesamtbevölkerung abhängen.
3.1 Die theoretische Forschung zum Antisemitismus und Erklärungsversuche
Mit dem Aufstieg des Faschismus trat vor WW II auch die sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung in DE, AT und den USA auf den Plan (Geiger/Horkheimer/Parsons). Diese interdisziplinäre Forschung fand nach WW II aber kaum Nachfolger. Heute existieren psychoanalytische Modelle, die oft zur Meinungsforschung abgeflachte empirische Sozialforschung, Autoritarismusmodelle oder psychologische Vorurteilsforschung ohne nennenswerte Querverbindungen nebeneinander her. Bergmann/Erb und andere konstatierten 2004 das fast vollständige Erliegen der sozialwissenschaftlichen Antisemitismus-Forschung.
Als möglichen Grund für diese Entwicklung führen sie die wissenssoziologische Vermutung an, nach der Ethnizismus mit zunehmender Modernisierung als wenig relevant angenommen wurde. Entsprechend konzentrierte man sich auf vertikale Konflikte zwischen einzelnen Strata, blendete aber die horizontalen Konfliktpotentiale innerhalb von Gesellschaften aus. Erst ab den 1980ern begann dieses Bild einer dauerhaft befriedeten Zivilisation und gewaltaverser Akteure zu bröckeln.
3.2 Erklärungsversuche
Vergleiche auch den Exkurs zum Artikel »Antisemitismus als sozialer Konflikt«
Neben der geringen empirischen Bestätigung leiden die psychoanalytischen Modelle – so wie die meisten anderen auch – darunter, keine Erklärung dafür zu liefern, warum ausgerechnet Juden als Sündenböcke und Projektionsfläche dienen und gedient haben.
Eines der wenigen Modelle, das versucht eine Erklärung für das Phänomen anzubieten war Parsons “Study of Modern Anti-Semitism”. Dieses sah Juden als “Fremde in unserer Mitte”, die einerseits relativ hilflos seien und anderseits als erfolgreiche Leistungskonkurrenten zu bevorzugten, aber nicht den einzig möglichen Opfern, bei Frustration nach indi-viduellem/kollektivem Versagen in der Leistungsgesellschaft würden.
Diese Erklärung brachte Parsons selbst den Vorwurf ein – in gemäßigter Form – antisemitisch zu argumentieren, da er angeblich (wie alle Ansätze, die soziale Konflikte in die Erklärung mitein-beziehen) das Verhalten von Juden zur Ursache für Antisemitismus erkläre. Möchte man den Antisemitismus aber nicht als Resultat einer Beziehung zwischen Antisemiten und Juden modellieren, verbleibt nur die Möglichkeit Juden im Modell als bloße Objekte zu behandeln. Diese Tendenz charakterisiert in der Tat einen großen Teil der Antisemitismus-Forschung nach 1945 in der Juden allenfalls als Objekte von Hass auftauchen, aber nicht auf diesen reagieren. Zumindest gilt dies für die BRD (vor allem kritisiert von Bodemann). Das mag normativ wünschenswert sein, ist aber theoretisch unbefriedigend, da die Interaktion zwischen Antisemiten und Juden ausgeblendet wird und die Dynamik des – keineswegs statischen – Antisemitismus nur noch unvollständig nachvollzogen wird. Desweiteren muss das Konstatieren von Neid, weder bedeuten dass dieser gebilligt wird, noch dass dieser objektiv bzw. sachlich begründbar wäre.
Insgesamt fehlen allgemein akzeptierte theoretische Erklärungen für das Phänomen des Antise-mitismus und ein Forschungsprogramm, dass konkurrierende Modelle gegeneinander abwägt oder integriert. Die psychoanalytischen/marxistischen Modelle scheitern an der Erklärung des prämodernen Antisemitismus und warum ausgerechnet Juden als Projektionsfläche dienen. Ansätze die auf soziale Konflikte rekurrieren können zwar antisemitische Dynamiken erklären, scheitern aber ebenfalls daran, zu erklären warum Juden immer wieder die bevorzugten “Sündenböcke” sind. Ansätze, wie bei Henryk M. Broder, die von einem “ewigen Antisemitismus” ausgehen geben den Erklärungsversuch an sich auf und setzen das Phänomen des Antisemitismus als gegeben und unabänderlich voraus.
3.3 Grenzen der Umfrageforschung
Vergleiche auch den Exkurs zum Artikel »Antisemitismus in Europa«
Die Schmierwelle um 1960, die rechten Übergriffe der 180er und 1990er, sowie die oft islamistischen Anschläge auf jüdische Einrichtungen ab 2000 demonstrieren, dass antisemitische Dynamiken, d.h. Übergriffswellen und die Entwicklung von antisemitischen Einstellungen in der Gesamtbevölkerung sich nicht entsprechen müssen. Seit den 1960ern ist ein linearer Rückgang antisemitischer Einstellungen in der Gesamtbevölkerung zu verzeichnen, die zudem deutlich an Heftigkeit verloren haben. Der Rückgang hielt bis Ende der 1980er an. Seitdem hat sich die Häufigkeit antisemitischer Einstellungen in der BRD auf niedrigem Niveau stabilisiert.
Dennoch müssen immer wieder Wellen von teilweise deutlich steigenden anti-semitischen Vorfällen verzeichnet werden, die – von unterschiedlicher Heftigkeit – nicht von der Rückendeckung durch die Gesamtbevölkerung abhängen. Einstellungen und Verhalten müssen sich weder auf individual-psychologischer, noch auf gesellschaftlicher Ebene entsprechen. Die Mechanismen dahinter mögen unterschiedliche sein. Ein niedriges Niveau an antisemitischen Einstellungen bedeutet also nicht automatisch, dass Juden ungestört leben können. Ein Blick auf die histori-sche und internationale Antisemitismusforschung zeigt weiter, dass Einstellungen und Bevölkerungsstimmungen historisch oft Schwankungen ausgesetzt waren. Galt Deutschland im 19. Jahrhundert als relativ judenfreundliches Land, so änderte sich diese Einschätzung bald wieder. Ähnliche Verläufe sind für Polen, Rumänien und die Ukraine zu konstatieren.
Die empirische Sozialforschung mag Trendwenden anzeigen können und kann eventuell frühzeitig vor einem Wiedererstarken von Antisemitismus warnen. Aber ebenso wenig wie sie dessen letze Ursachen hat bestimmen können hat sie ein Rezept gegen Antisemitismus anzubieten.
4. Fazit
Antisemitische Einstellungen sind seit 1945 messbar rückläufig, wobei der Rückgang insgesamt nicht linear verlief, sondern ein Anwachsen in den Nachkriegsjahren miteinschloss. Neben dem Rückgang antisemitischer Einstellungen ist deren abnehmende Heftigkeit zu verzeichnen. Inhaltlich haben der traditionell-religiöse Antisemitismus und der rassische Antisemitismus deutlich an Wichtigkeit verloren, der wirtschaftliche Antisemitismus ist nach wie vor verbreitet und als neues Motiv taucht der sekundäre Antisemitismus auf, der spätestens seit den 1960ern auch die politische Kultur in Form von “Schlussstrich”-Debatten und Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Vergangenheit prägt.
5. Bibliographie
BENZ, WOLFGANG; 1995: Antisemitismus in Deutschland. Zur Aktualität eines Vorurteils. München
BENZ, WOLFGANG, 1996: Feindbild und Vorurteil. Beiträge über Ausgrenzung und Verfolgung. München
BENZ, WOLFGANG; 2003: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12. Berlin
BENZ, WOLFGANG; 2004: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12. Berlin
BERGMANN, WERNER UND RAINER ERB, 1990: Antisemitismus in der in der politischen Kultur nach 1945. Opladen
BERGMANN, WERNER UND RAINER ERB, 1991: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland: Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989. Opladen
BERGMANN, WERNER UND MONA KÖRTE; 2004:Antisemitsmus in den Wissenschaften. Berlin
BRAUN, CHRISTINA VON UND EVA-MARIA ZIEGE; 2004: Das bewegliche Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus. Würzburg
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