Antisemitismus und Antisemitismusvorwürfe sorgen in der BRD immer wieder für Skandale. Und das seit ihrem Bestehen. Und dennoch: es war nicht immer so, wie es heute ist. Der folgende Artikel fasst die empirische Antisemitismusforschung nach 1945 zusammen. Dabei wird die Veränderung von Anzahl und Ausmass an Antisemitsmus in der BRD untersucht, sowie auf die wechselnden Formen des Antisemitmus eingegangen.
Antisemitismus wird in der Umfrageforschung über das sozialpsychologische Einstellungskonzept operationalisiert, woraus eine Einteilung in Stereotype (kognitiv), negative Gefühle Juden gegenüber (affektiv) und Diskriminierungsbereitschaft (konativ) folgt. Unangemessenerweise wurde meist nur die kognitive Komponente erhoben.
Bezüglich der Ausprägung von Antisemitismus scheint die Einteilung nach Weil sinnvoll, der traditionellen, volkstümlichen Antisemitismus mit starken religiösen Diffamierungstendenzen von politisch-nationalistisch-rassistischem Antisemitismus unterscheidet und diese noch mal von sozialen Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen abgrenzt, wobei letztere durch die beiden ersten Ausprägungen auch überlagert werden können, bzw. durch Vorurteile Juden eher als Sündenböcke für Probleme ausgewählt werden. Im Gegensatz zu den beiden anderen Formen von Antisemitismus können soziale Konflikte aber besser durch rationale Maßnahmen gelöst werden. Für DE und AT ist zudem das Phänomen des sekundären Antisemitismus relevant: antisemitische Einstellungen, die den Holocaust als Ausgangsbasis haben.
Insgesamt verlief empirische Antisemitismus-Forschung diskontinuierlich und ereignisbezogen (Prozesse, Schmierwellen oder Jahrestage), insbesondere aber nicht durch Theorie und Hypothesen geleitet. Ab den 1980ern verbessert sich die Datenlage deutlich, was nicht zuletzt auf verschiedene Jahrestage, Skandale und Übergriffswellen zurückzuführen ist.
Nur wenige Items wurden wiedererhoben, Panelbefragungen fehlen. Es gab weder ein gemeinsames Forschungsprogramm noch eine Systematik. Die Daten wurden oft chaotisch produziert und über ad hoc Designs und Items mit wechselnden Kodierungen und Kategorisierungen erhoben. Abgrenzungen und Kategorien wurden meist ebenfalls ad hoc neu entschieden und auch die Stichprobenziehung differiert (verschiedene demographische Variablen, bzw. Variablenausprägung berücksichtigt). Neben der Anbindung fehlt auch die Rückkoppelung an die durch Theorie und Hypothesen geleitete Sozialwissenschaft fast vollständig.
Trends können nur näherungsweise geschätzt werden, indem man “ähnliche” Fragestellungen aus unterschiedlichen Stichproben miteinander vergleicht (Problem neben unvergleichbaren Stichproben auch Validität und Reliabilität der Vergleiche: inwieweit entspricht sich “Es wäre besser keine Juden im Land zu haben” und “Es wäre besser wenn die Juden nach IL gingen”?) und moderne sozialwissenschaftliche Theorien zum Komplex Antisemitismus fehlen.
1. Materialübersicht
Weiterhin gab es kleinere Umfragen, insbesondere auch durch die ADL. Diese enthalten aber keine soziodemographischen Daten und wurden selten Studien weiteranalysiert. Aber auch die anderen Daten wurden in nur sehr wenigen Arbeiten als Gesamtheit ausgewertet. Dazu gehören die Arbeiten von Merrit & Merrit aus den 1970ern, die sich jedoch auf die frühe Nachkriegszeit beschränken. 1980 folgte Weil mit einer Analyse der Daten von 1945-1980 in einem knapp 20-seitigen Aufsatz zu “Antisemitism in Westgermany after the Holocaust” und weiteren Aufsätzen in den 1980ern. Ab der zweiten Hälfte der 1980er sind es vor allem Bergmann/Erb/Wetzel vom und aus dem Umkreis des ZfA die sich in DE dieser Aufgabe angenommen haben und bis in die späten 1990er Monopol auf empirische Antisemitismus-Forschung in der BRD und der Analyse der Daten haben. Ab 2000 kommen Sekundärstudien von Wittenberg, teilweise mit Manuela Schmidt hinzu.
| Empirische Studien und Umfragen zum Antisemitismus in der BRD ab 1945 | ||
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1946–1949 |
1 |
OMGUS Reports der amerikanischen Militärverwaltung |
| AS als Teilaspekt enthalten Verwendet in 1970ern von Merrit/Merrit |
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1949–1955 |
2 |
HICOG/DIVO Fortsetzung der OMGUS Reports |
| Schwerpunkte wie bei OMGUS auf Entnazifizierung, Wiedergutmachung, Einstellung zu NS, Kollektivschuld, Judenverfolgung Verwendet in 1970ern von Merrit/Merrit |
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1949 |
3 |
IfD Allensbach |
| Demographisch kontrollierte Umfrage zu AS Einige Items bis 1964 wiedererhoben |
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1960/1967 |
4 |
Emnid, IfS |
| Reaktion auf Schmierwelle und Eichmann-Prozess Nicht Einstellung zu AS |
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1961–1962 |
5 |
Melvin Tuman |
| Internationaler Vergleich von Rassismus, Ethnozentrismus und Antisemitismus Unveröffentlicht, Ausgewertet 1980 durch Badi Panhani |
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1972–1975 |
6 |
DFG/Silbermann/Sallen |
| Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus in BRD Ohne Folgestudien, Kritik an Design und Auswertungsmethodik |
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1980 |
7 |
Demoskopie, v.a. für die Landeszentralen für Pol. Bildung |
| Flankierend zu Holocaust-Serie Leider keine Panelbefragung |
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1980 |
8 |
Sinus-Studie für Bundeskanzleramt |
| Rechtsextremismus, Autoritarismus etc. Antisemitismus einer von insgesamt sechs Fragen-Komplexen |
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1984 |
10 |
IfD Allensbach im Auftrag des BMDI |
| Studie zu Extremismus Einige, wenige Fragen zum Antisemitismus |
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1986 |
11 |
IfD Allensbach/Stern, außerdem Emnid wegen Fassbinder |
| Deutsche und Juden – 40 Jahre danach Öffentliche Auseinandersetzung um AS getrackt |
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1987–1990 |
12 |
IfD für ZfA und ADL B’nai B’rith |
| Gut designte Umfrage zu Antisemitismus, als langfristiges Messinstrument geplant Hauptveröffentlichung 1990 Bergmann/Erb |
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1990 |
13 |
DDR Umfrage AJC |
| Meinungsumfrage, verarbeitet durch Uni-Erlangen-Nürnberg | ||
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1990 |
14 |
DDR Umfrage Institut für Soziologie Erlangen-Nürnberg |
| Eigene Umfrage und Verarbeitung der AJC 1990 Daten | ||
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1990 |
15 |
IfD für ZfA und ADL B’nai B’rith |
| Gut designte Umfrage zu Antisemitismus, als langfristiges Messinstrument geplant Hauptveröffentlichung 1990 Bergmann/Erb |
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1991 |
16 |
Emnid |
| Ausgewertet durch Wittenberg/Schmidt | ||
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1994 |
17 |
Emnid |
| Ausgewertet durch Wittenberg/Schmidt | ||
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1996 |
18 |
ALLBUS |
| Ausgewertet durch Wittenberg/Schmidt | ||
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1998 |
19 |
Forsa / Die Woche |
| Ausgewertet durch Wittenberg/Schmidt | ||
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2002 |
20 |
Infratest Sozialforschung / American Jewish Committee |
| Ausgewertet durch Wittenberg/Schmidt | ||
2. Ergebnisse
Neben dem Erhebungschaos wird die Dateninterpretation auch durch die wachsende gesamtgesellschaftliche Unsicherheit darüber was als Antisemitismus zu werten ist und immer neu gezogene Abgrenzungen in den Studien erschwert. Diese machen zwei, anfänglich widersprüchlich erscheinende Trends aus:
- Die Zustimmung zu antisemitischen Items ist seit 1945 deutlich gesunken. Diese Ergebnisse der deskriptiv-statistischen Demoskopie werden von manchen als Lernprozess aufgefasst, andere vermuten eher Sponsorship-Effekte und ein Response-Set als Ursache dafür (zusammenfassend auch Kommunikationslatenz genannt).
- Clusteranalysen und Antisemitismus-Skalen machen seit 1945 nur einen relativ moderaten Rückgang antisemitisch eingestellter Einstellungsgruppen aus.
Der scheinbare Widerspruch lässt sich m.E. leicht auflösen: Clusteranalysen orientieren sich per Definitionem an stichprobeninternen, relativen Größen (wie dem Mittelwert) und nicht an stichprobenübergreifenden, absoluten Werten. Deshalb leiden sie ebenso wie Studien zur Verbreitung von Armut darunter, dass das untersuchte Phänomen niemals verschwindet, solange die Varianz innerhalb der Gruppe nicht gegen Null strebt. M.E. zeigen die Clusteranalysen zu Recht, dass es unterschiedlich stark reservierte, philosemitische und auch klar antisemitische Bevölkerungsteile gibt. Aber ein Blick auf die antisemitischen Items, die heutzutage noch Zuspruch erfahren zeigt, dass diese oftmals “weicher” sind, als die aus früheren Umfragen. Items wie “Es wäre besser keine Juden im Land zu haben” erfahren nur noch wenig Zuspruch. Insgesamt haben der traditionelle und der politische Antisemitismus stark an Boden verloren, während wirtschaftlich konnotierte Klischees zwar an Schärfe verloren haben, aber noch häufiger anzutreffen sind.
Als neues Phänomen tritt der sekundäre Antisemitismus in Erscheinung. Richtig ist aber auch, dass die Umfragen durchaus in der Lage unterschiedlich große Cluster für Ost- und Westdeutschland festzustellen. Die Rückgänge in der Häufigkeit antisemitischer Einstellungen sind also ernst zu nehmen, der relativ geringe Rückgang der Cluster kann auch durch eine höhere Sensibilität erklärt werden, was insgesamt ein etwas positiveres Bild vermuten lässt.
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